ELDORADO

Eldorado.
Unwillkürlich denkt man an klassische Landschaftsmalerei aus China oder Japan. Nebelschwaden ziehen ätherisch durch den Regenwald, als hätte ein Zen-Meister sie choreografiert. Äste im Vordergrund sind raffiniert verschattet und lassen an das Liniensystem einer Kalligrafie denken. Scharfkantig wie eine grafische Folie lösen sich schwarzgrüne Blätter aus dem Dschungeldunst. Das Licht lässt Baumschichten zart verblassen, während es andere Formationen glasklar hervortreibt: So malerisch kann Fotografie sein, dafür braucht sie kein Computerprogramm, sondern ein sicheres Gespür für Komposition und Lichtregie. Alles ist Natur, was in diesen Bildern artifiziell aussieht. Das Künstliche im Natürlichen sichtbar machen – darum geht es Stephanie Kloss. Die Aufnahmen ihrer „Eldorado“-Serie machte sie im Regenwald von Venezuela, unweit von Caracas. In dem Zyklus träumt sie die alte Sehnsucht nach dem mythischen Tropenreich weiter. Die Suche nach Eldorado unter dem Conquistador Gonzalo Pizarro kostete 1540/42 Hunderte von Männern das Leben. Doch das Goldland blieb eine Legende, dafür befuhren die Entdecker als erste Europäer weite Strecken des Amazonas. Diese Natur ist paradiesisch schön, doch wer ihr Geheimnis hinter der Oberfläche ergreifen will, gerät in Gefahr, sich fatal in ihr zu verstricken.
Kloss’ Fotografien erscheinen wie ein Traum von Wirklichkeit. Dabei ist hier alles echt, niemals wird etwas arrangiert, gestellt oder künstlich generiert. Die einzige Freiheit, die Kloss sich nimmt, besteht in der Reduktion auf Ausschnitte und der Nuancierung der Helligkeitsvaleurs. Ob verschneite Schluchten, alpine Gipfel oder neblige Regenwälder, ob Oscar-Niemeyer-Bauten in Brasilien oder Kapsel-Architektur in Japan, ob Innen- oder Außenräume – die Berliner Fotokünstlerin fängt das ein, was ihr die Realität bietet. Und doch entführt sie uns immer wieder in entrückte Sphären voller Magie und Erhabenheit. Kloss fotografiert, ganz traditionell, mit einer analogen Mittelformatkamera. An der Nachbearbeitung arbeitet sie lange und voller Skrupel. Dabei manipuliert sie ihre Kompositionen nicht mit digitalen Tricks, es gibt keine Montagen aus Versatzstücken. Während sie in ihren frühen Bildern das Kolorit oft übersteigerte, schwächt sie die Farben heute bei der letzten Feinabstimmung eher ab. „Ich mag es“, sagt sie, „wenn man auf den ersten Blick zum Zweifeln kommt, ob es überhaupt Farbaufnahmen sind.“
Roland Barthes hat in seinem Essay „Die helle Kammer“ treffend charakterisiert, warum manche Fotografien dem Betrachter unter die Haut gehen und andere nicht: „Letzten Endes ist die Fotographie nicht dann subversiv, wenn sie erschreckt, aufreizt oder gar stigmatisiert, sondern wenn sie nachdenklich macht.“ Kloss’ Bilder machen nachdenklich, indem sie unseren Blick für das Erhabene in der Normalität schärfen. Sie führen uns zu den Schönheiten der Natur, zu auratischen Elementen von Architektur und magischen Augenblicken im Alltag. Sie zeigen uns das Unechte im Echten. Es ist eine Lichtbildnerei von höchster Präzision, Schärfe und Tiefenerschließung; eine Transformation des Gesehenen, die weit über das bloße Abbild hinaus geht. „Eine Fotografie ist nicht das, was fotografiert wurde. Es ist etwas Anderes“, sagte der amerikanische Fotograf Garry Winogrand. „Es ist eine neue Wirklichkeit.“

Auszug aus dem Katalogtext „Der Traum von der Wirklichkeit“
von Sebastian Preuss, 2009