CARMEL

Carmel.
„…da liegt die Stadt Haifa vor uns. Ein Anblick, fast so hinreißend, wie der Anblick von Neapel.“ (Felix Salten, 1925)
Dass in den 1930er und 1940er Jahren des 20. Jahrhunderts in Haifa und an den Hängen des Berges Carmel eine bemerkenswerte Vielfalt an modernistischer Architektur im Internationalen Stil entstand, ist heute weitgehend unbekannt. Zu stark ist die Aufmerksamkeit auf Israels „Bauhaus-Stadt“ Tel Aviv fokussiert. Dabei hatte die einst viel gepriesene Lage Haifas am Mittelmeer mit ihrem einzigartigen Panoramablick das Interesse der modernen Architekten, die in der Mehrheit aus Europa emigriert waren, auf sich gezogen. Die Stadt mit ihren landschaftlichen Reizen und besonderem Klima wurde zur Projektionsfläche ihrer avantgardistischen Ideen und sozialen Utopien, die sie in ihrem Gepäck mitbrachten.
Das jahrhundertlang im Schatten des historischen Hafens von Akko am Fuße des Berges Carmel gelegene Haifa war am Beginn des 20. Jahrhunderts ins Zentrum des Interesses von Geschäftsleuten, Alteingesessenen und jüdischen Einwanderern gerückt. Schon Theodor Herzl, der Visionär des „Judenstaates“, hatte in seiner Romanutopie Altneuland (1902) Haifa als die „Stadt der Zukunft“ visioniert (Tel Aviv wurde erst 1909 gegründet). Besucher verglichen die Stadt wegen ihre einzigartigen Lage immer wieder mit der Schönheit Neapels.
Mit dem Bau des Jüdischen Instituts für technische Erziehung (1912–1914) durch den Architekten Alex Baerwald (1877–1930) im Auftrag des Hilfsvereins der deutschen Juden, entwickelte sich die Stadt schnell zu einem Zentrum jüdischer Bauaktivitäten. Mit dem Beginn der britischen Mandatszeit Anfang der 1920er Jahre wurden Pläne für den weiteren Ausbau der Stadt zu einem internationalen Handelshafen entwickelt. Nach 1933 wählten zunehmend jüdische Emigranten aus Mitteleuropa, darunter viele Architekten aus dem deutschsprachigen Raum, Haifa – im Gegensatz zu Jerusalem und Tel Aviv – als Ort ihres Exils bzw. Schaffens. Haifa entwickelte sich in dieser Zeit – ähnlich wie Tel Aviv – zu einem Laboratorium der architektonischen Moderne.
Die Bausubstanz der Haifaer Moderne befindet sich in einem Zustand, wie er noch in den 1990er Jahren in Tel Aviv anzutreffen war. Die Bauten wurden zumeist unsensibel erweitert und umgebaut. Stephanie Kloss’ Fotografien der Haifaer Moderne dokumentieren mit hohem ästhetischen Anspruch und einem außergewöhnlichen Blick für stilistische Details und Charakteristika das von Umbau und Verfall bedrohte wertvolle Erbe Haifas, das es zu erhalten gilt. Die Fotografien erheben nicht den Anspruch einer vollständigen Bestandsaufnahme und Dokumentation, sondern zeigen die Bauten in ihrer skulpturalen Formensprache, die die Aufbruchstimmung jener Epoche verkörpern und sich den Zeichen der Zeit widersetzen.
Dr. Ines Sonder