DELTA HORIZON

Idylle und Katastrophe.
Das Landschaftsbild besitzt in der deutschen Kunst auch lange nach seiner Hochblüte zur Zeit der Romantik einen besonderen Stellenwert, etwa in der zeitgenössischen Photographie. Diese Naturaufnahmen entstehen selbstverständlich nicht immer in Deutschland, das gilt auch für diejenigen von Stephanie Kloss. In ihrer bisherigen Arbeit konzentrierte sie sich meist auf menschenleere, sonderbar illuminierte Situationen und Architekturdetails, die vorgefunden und nicht arrangiert waren. Manches erinnert auf den ersten Blick an eine Gestaltungsidee der deutschen Romantik, einschließlich der Kippeffekte zwischen vermeintlicher Harmonie und einem subtil dahinter lauernden Schrecken.
Nie scheint es der Künstlerin darum zu gehen, mit einem einzigen Bild den ausgewählten Gegenstand in seiner Gänze zu erfassen. Bei großen Baukörpern oder bei solitär stehenden Bergen, die uns im früheren Werk begegnen, existiert natürlich nicht nur eine einzige Ansicht oder Lichtsituation, die die monumentalen Formen hinreichend charakterisieren würde.
Das Gleiche gilt für Kloss’ aktuelle Bildserie. Die zeitlosen Momentaufnahmen aus dem Mississippi-Delta, die spontan erscheinen, sind – wie ihr gesamtes Werk – mit der Mittelformatkamera bereits während der Aufnahme bewusst komponiert. In der Arbeit mit dem Titel „Delta Horizon“, nun erstmals bei Semjon Contemporary in Berlin ausgestellt, nimmt sie diesen Faden auf und zeigt Details einer grandiosen Landschaft, die im nächsten Moment unbarmherzig und menschenfeindlich sein kann. Entstanden ist die Bildsequenz während eines Stipendiums am Seaside Institute in Florida Anfang 2010.
Wasser, Himmel und Bäume sind in vielen Bildern die einfachen, nahezu metaphernfreien Bildgegenstände – und somit Hauptbestandteile purer Landschaftsphotographie mit großer Detailschärfe. Die Landschaft ist nicht Kulisse, sondern Idylle, so scheint es zunächst.
In „Delta Horizon“ verzichtet die Photographin auf jegliches Pathos; sie lässt, wenn man so will, der Natur schlichtweg Raum für eine Selbstinszenierung. Mal öffnet sich die Landschaft dem Blick des Betrachters, mal ist dieser verstellt, als befänden wir uns selbst, gleichsam auf den Spuren der Naturforscher im Gefolge Alexander von Humboldts, inmitten eines undurchdringlichen Dschungels, in dem die Vegetation endlos erscheint. Alleinstehende Bäume bilden formal starke Vertikalen gegen die Horizontale des meist niedrigen Horizonts; Staffelungen erzeugen Raumtiefe. Manche Bäume stehen tief im Wasser, fest verwurzelt im fruchtbaren, sumpfigen Grund des subtropischen Regenwaldes, einige sind voller Laubwerk, andere kahl, wie abgestorben. Der Dualismus von Werden und Vergehen innerhalb eines Bildes oder Zyklus verweist auch auf das grundsätzliche Verrinnen von Zeit. Mal herrscht eine unüberwindliche Distanz in den Aufnahmen, mal eine unmittelbare Nähe zur dargestellten Natur, die ohne jeden Menschen auskommt.
Natürlich spielt die Berliner Photographin in ihren großformatigen Naturdarstellungen auf der Klaviatur visueller Überwältigung und Erhabenheit. So existieren hier – analog zu den Gemütszuständen in den Menschendarstellungen zeitgenössischer Photographie – unterschiedliche Zustände einer vermeintlich unberührten Natur: Wir sehen Dunst und Regen, einen verhangenen und einen strahlenden Himmel; dabei bleibt der neutrale Fonds eines bedeckten Himmels die vorherrschende Lichtstimmung.
Die gesamte Region des Deltas ist nur zwei Monate später durch die Ölkatastrophe um „Deep Water Horizon“ zu trauriger Berühmtheit gelangt. Im April 2010 und danach verseuchten Millionen Liter unkontrolliert heraussprudelnden Öls nicht nur den Golf von Mexiko, sondern teilweise auch das Mississippi-Delta. Hier sind durch die massenhafte Verwendung von Dispersionsmitteln, die das Öl gebunden und fein verteilt haben, so dass es zum Meeresboden sank, zwar nahezu alle oberflächlichen Schäden vermieden worden, in den Tiefen des Meeres waren und sind die kurz- und mittelfristigen Folgen dafür mit Sicherheit umso verheerender.
In anderen Bildern von „Delta Horizon“ sind wir tatsächlich mit einer früheren Naturkatastrophe konfrontiert, nämlich dem Hurrikan „Katrina“, der im August 2005 in und um New Orleans eine Spur der Verwüstung hinterlassen hat. Die Schäden und Verwerfungen sind, wie wir hier sehen, auch Jahre später nicht behoben; viele Häuser wurden unbewohnbar und gammeln nun, gemeinsam mit den Alltagsgegenständen, die auf den zerstörten Veranden angeschwemmt wurden, vor sich hin. Einerseits ist dies ein Memento, andererseits spürt Kloss auch hier eine verblüffende Schönheit im Vergänglichen und Zufälligen auf.
So sollten wir mit Blick auf ihre sensibel inszenierte Landschaftsmotivik einen wichtigen inhaltlichen Aspekt nicht unberücksichtigt lassen: der Zyklus des Lebens, der sich insbesondere im Motiv des fließenden Wassers und dem Nebeneinander von vermoderndem organischem Material und frisch sprießendem Grün manifestiert, außerdem die Idee der Vanitas im Motiv der abgestorbenen Baumskelette oder verlassenen Häuser. Auch hier können wir einen Kippeffekt zwischen Naturidylle und Grauen erahnen.
Die Fotografien dokumentieren keine singulären Ereignisse, sondern Zwischenzustände, sie erschüttern, indem sie oberflächlich Unsichtbares mitdenken lassen: Den Sturm, das Öl, die nächste Katastrophe.
Entscheidend bleibt – jenseits aller Dokumentation und Erhabenheit – die in die Naturstudien eingeschriebene Zeit des Vorher und Nachher, denn dieser subtile Zeitaspekt ist selten in der zeitgenössischen Photographie.
Matthias Harder